Inselgeburt e.V.

... damit wieder Kinder auf Föhr geboren werden

Offener Brief

(nicht nur) an die Abgeordneten des nordfriesischen Kreistages

zur Schließung der Geburtsstation

für die Inseln Amrum und Föhr

 


Die Schließung –

ein undemokratischer Akt

Ein Jahr hatte die Geschäftsführung des Klinikums Nordfriesland jenes Gutachten bereits auf dem Tisch, das im Herbst 2015 zur Schließung der Geburtsstation für die Inseln Amrum und Föhr führte. Hatte man dieses Jahr genutzt, um nach Alternativen zu suchen? Hatte man die angeblichen Defizite konkretisiert? Hatte man die Grundannahmen und die Schlussfolgerungen des Gutachtens kritisch untersucht und ggf. durch ein zweites Gutachten überprüft? Hatte man sich mit den Betroffenen an einen Tisch gesetzt? Hatte man überhaupt irgendetwas unternommen, um bei der Bevölkerung Vertrauen in die Richtigkeit oder zumindest in die Notwendigkeit des eigenen Handelns zu schaffen?

Mitnichten – im September ließen der Geschäftsführer und der Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikums die Bombe platzen: Schließung, und damit basta! Nicht einmal die Gesellschafterversammlung (das sind die Kreistagsabgeordneten) wurde im Vorfeld über diese Maßnahme informiert. Ein Notfallkonzept, für dessen Erstellung man ein Jahr Zeit gehabt hätte, sollte in Angriff genommen werden. Selbst das liegt bis heute nicht vor.

Der Gipfel undemokratischen Verhaltens wurde erklommen, als man nicht nur der Öffentlichkeit - dem Souverän - sondern auch den parlamentarischen Vertretern - den Kreistagsabgeordneten - jeglichen Einblick in das ominöse Gutachten verwehrte. Demokratie kann nur funktionieren auf der Basis von Transparenz. Denn diese „Herrschaft des Staatsvolkes“ beruht auf dem Vertrauen des Volkes in das Handeln seiner Repräsentanten. Vertrauen aber wird zerstört, wenn die Grundlagen politischer Entscheidungen dem Volk verheimlicht werden. Geheimniskrämerei führt immer zu Misstrauen. Und dieses endet entweder in Resignation oder in Protesten, die politischen Rattenfängern den Weg bereiten.

Hinsichtlich der Rechtmäßigkeit der Schließungsentscheidung und der Geheimniskrämerei um das Gutachten wird argumentiert, die Klinik sei eine GmbH, also ein Wirtschaftsunternehmen, und könne daher frei entscheiden, was es tue und wem es Einblick in seine Entscheidungsgrundlagen gewähre. Doch ganz so einfach ist es nicht: Der Aufsichtsratsvorsitzende hat diesen Posten nicht, weil er dafür besonders qualifiziert ist, sondern weil er der Landrat des Kreises ist, also letztlich vom Volk gewählt wurde. Auch die anderen Aufsichtsratsmitglieder und die ganze Gesellschafterversammlung dieses „Unternehmens“ bestehen aus Politikerinnen und Politikern. Sie tragen eine Verpflichtung nicht nur gegenüber der GmbH, sondern auch gegenüber ihren Wählerinnen und Wählern. Wäre unser Krankenhaus Teil eines kommerziellen Konzernes (Helios, Asklepios, Fresenius etc.), dann würden wir uns nicht wundern über drakonische Maßnahmen im Hau-Ruck-Verfahren. Von einem Kreis-Krankenhaus hätte man aber mehr Fingerspitzengefühl und erheblich mehr Empathie erwarten können. So geht man als Politiker nicht mit Bürgerinnen und Bürgern um, so geht man schon gar nicht mit schwangeren Frauen und deren Angehörigen um.

Wir vermissen das aufrichtige Bemühen der Verantwortlichen, die Schließung der Geburtsstation zu verhindern. Angeblich fehlende Blutkonserven, mangelnde Laborkapazitäten, zu geringe Erfahrungswerte bei Ärzten – all das und vieles mehr wurde ins Feld geführt, allerdings ohne sich zuvor mit den Betroffenen zusammenzusetzten und nach praktikablen Lösungen zu suchen. Und diese gibt es sehr wohl!

Der vom Kreistag am 13.11.2015 geforderte „Runde Tisch“ hat noch nie getagt. Der Landrat ignoriert seit mehr als fünf Monaten einen klaren Auftrag, den er vom Kreistag bekommen hat: einen „Runden Tisch“ einzuberufen mit allen in der Geburtshilfe Tätigen und politisch Verantwortlichen der Inseln und Halligen. Herr Harrsen informiert noch nicht einmal die Öffentlichkeit darüber, dass und weshalb er dem Auftrag nicht nachkommt.

Weshalb lässt sich der Kreistag das gefallen? Ist die Geburtsstation nur noch eine lästige Randerscheinung beim Kampf um das Gesamt-Klinikum? Weshalb schweigen dann aber auch unsere beiden Kreistagsabgeordneten Paul Raffelhüschen und Jürgen Jungclaus beharrlich in dieser für ihre Inseln so wichtigen Angelegenheit?

Wie stellt man sich die Zukunft vor?

Selbst wenn der „Runde Tisch“ stattgefunden hätte - weder er noch der vom Land initiierte Arbeitskreis haben das Ziel, die Geburtsstation auf Föhr zu reaktivieren - so lauten zumindest die Vorgaben des Landrates. Es soll nur noch um Notfallkonzepte gehen, nicht mehr um unsere Geburtstation! Schwangere sollen zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin die Inseln und ihre Familien verlassen, um in einem Boarding-House auf die Entbindung zu warten. Ist diese Vierzehn-Tage-Frist irgendwie medizinisch begründbar oder ist sie willkürlich gesetzt? Familienfeindlich ist sie allemal. Ist der Staat eigentlich berechtigt, derart in die Lebensgestaltung seiner Bürgerinnen einzugreifen? Wo ist dieses Recht verankert? Was ist von einem „Notfallkonzept“ zu halten, bei dem alles auf eine „Auslagerung“ der Schwangeren hinausläuft?

Zwei Wochen und länger in einem Boarding-House zu verbringen, ist sicher kein entspanntes Warten, sondern es bedeutet in erster Linie die Trennung von den anderen Kindern, vom Partner und von jener Hebamme, mit der sich die junge Frau vertrauensvoll auf die Geburt vorbereitet hatte und die sie nun gegen eine Beleghebamme eintauschen muss. Wie reagieren wohl die Geschwister auf ein Baby, dessentwegen sie zwei Wochen auf die geliebte Mama haben verzichten müssen? Wird es der Partner noch rechtzeitig schaffen, ihr bei der Geburt beizustehen und ihr gemeinsames Kind auf die Welt kommen zu sehen?

Jede Geburt ist aufregend. Für schwangere Amrumerinnen und Föhrerinnen wird sie nun aber mit unnötigem Stress belastet – Stress, den die Verantwortlichen offenbar für weniger riskant halten als die vermeintlichen Risiken einer Geburt im Inselklinikum.[1] Mit Schrecken hören wir von jungen Eltern, die unter diesen Umständen kein weiteres Kind bekommen wollen.

Unser Kreißsaal ist keineswegs marode, sondern er ist voll funktionstüchtig, und das nicht zuletzt dank der massiven Unterstützung durch den Förderverein Föhr-Amrumer Krankenhaus. Dieser hatte gerade 70.000 Euro aufgebracht für medizinische Geräte im Kreißsaal.

Es wird allgemein beklagt, das ehrenamtliche Engagement lasse nach, Kirchen, Feuerwehren oder Vereine hätten Nachwuchssorgen und finanzielle Probleme. Ehrenamtler entlasten unser Gemeinwesen, unseren Staat. Dessen Repräsentanten sollten dankbar sein, nicht aber das Engagement konterkarieren. Wer ohne jegliche Vorankündigung einen Kreißsaal schließt, in den kurz zuvor noch viel ehrenamtliche Kraft und reichlich Spenden geflossen sind, der erzeugt Frustrationen bei den noch verbliebenen Ehrenamtlern und Spendern.

Was geschieht eigentlich bei „echten“ Notfällen wie z.B. Frühgeburten oder Schwangerschaftsvergiftungen, die sich weit vor dem errechneten Geburtstermin ereignen? Man mutet den jungen Frauen Sorgen und Ängste zu, die sie nicht erleiden müssten, wenn die Entbindung in unserer Inselklinik stattfinden dürfte.

So musste eine junge Frau, deren Baby zwei Wochen zu früh kam, zunächst mit dem Seenot-Rettungskreuzer von Amrum nach Dagebüll und von dort mit dem Krankenwagen nach Flensburg gebracht werden, ab Dagebüll übrigens ohne eine Hebamme. Ähnlichen Stress durchlitt ein Paar, bei dem wegen dichten Nebels kein Hubschrauber fliegen konnte und sowohl der Rettungskreuzer als auch der Krankenwagen auf dem Weg nach Flensburg durch den Nebel extrem behindert wurden.

Es ist zu befürchten, dass sich immer mehr Mütter für einen – planbaren - Kaiserschnitt entscheiden oder sich dazu überreden lassen - allerdings mit entsprechenden Früh- und Spätrisiken für Mutter und Kind (diese sind durch einschlägige Studien belegt).

Die Geburt – ein natürlicher Vorgang verkommt zum Versicherungsrisiko

Der (bisherige) Geschäftsführer, Herr Pietrowski, betonte immer und immer wieder, das alles sei kein Problem des Geldes, sondern es gehe allein um ein von der Klinik zu tragendes Haftungsrisiko. Sein Vorgesetzter, der Aufsichtsratsvorsitzende und Landrat Dieter Harrsen, spricht hingegen von jährlich 1,7 Millionen Euro, die erforderlich seien, um die Geburtsstation am Laufen zu halten. Wem sollen wir denn glauben?

Ins Rollen kam das alles durch verschärfte Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, einem Verein, der die Interessen von Frauenärzten vertritt. Es sind nur „Leitlinien“. Es sind weder Verordnungen noch Erlasse und es ist schon gar kein Gesetz. Man muss sich also nicht an diese Vorgaben halten. Die Geschäftsführung befürchtet jedoch, dass Richter mit dem Hinweis auf diese Leitlinien die Klinik haftbar machen könnten für gesundheitliche Schäden. Ist es denn undenkbar, dass Richter bei ihren Entscheidungen die Lage und die Risiken in kleinen Geburtsstationen sehr wohl anders beurteilen als die in großen Kliniken? Es gibt sehr wohl Ermessensspielräume für besondere Lagen.

Wir Insulaner finden uns nicht damit ab, wegen vermeintlicher Haftungsrisiken zu Opfern dieses Zentralisierungswahnes zu werden. Wir setzen dem die Geborgenheit, die Vertrautheit, die Individualität eines kleinen Krankenhauses und einer kleinen Geburtsstation entgegen: Hier bin ich nicht nur Patient, hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein.

Öffentlicher Kahlschlag auf den Inseln

Wie stünde es eigentlich um die Finanzen des Kreises Nordfriesland, wenn es die öffentlichen Einnahmen aus dem Inseltourismus nicht gäbe? Während die öffentliche Hand nicht nur weit ausgestreckt, sondern auch weit geöffnet ist, sobald es um die Einnahmen geht, amputiert sie auf den Inseln unentwegt und rücksichtslos ihre eigenen Finger. Einige Beispiele von Föhr: das Amtsgericht, die Berufsschule, die Wasserschutzpolizei, die Sprechstunden des Finanzamtes, die Kfz-Zulassungs-stelle, das Arbeitsamt, mehrere Sparkassen- und Postfilialen – und nun die Geburtsstation. Welches sind die nächsten Opfer einer Kahlschlagpolitik, die stets die Finanzen, nicht aber die Menschen im Blick hat? Wie lange sollen die Insulaner eigentlich noch für öffentliche Einrichtungen auf dem Festland zahlen, die bei ihnen selbst gekappt wurden? Wann realisieren die Verantwortlichen in Husum und Kiel endlich, dass sie nicht unsere Finger der „öffentlichen Hand“ amputieren dürfen, zugleich aber eine gleichbleibende oder gar steigende Wirtschaftskraft von uns erwarten können, mit der dann die öffentlichen Ausgaben in den Zentren finanziert werden sollen? Im Gegenzug zwingen sie uns auch noch, weitgehend diese Zentren in Anspruch zu nehmen und sie damit erneut zu finanzieren. Bei dieser Art von Politik ist es leider „konsequent“, schwangere Frauen in ein Boarding-House zu schicken, schließlich müssen Berufsschüler, Rechtsuchende, Steuerzahler oder Arbeitssuchende mittlerweile ja auch nach Niebüll oder Leck fahren, wenn sie eine öffentliche Dienstleistung in Anspruch nehmen wollen.

Es ist absurd, wenn einerseits hunderte von Arbeitnehmern tagtäglich auf die Inseln pendeln, weil dort die Arbeit und die Wirtschaftskraft vorhanden ist und wenn andererseits die Insulaner aufs Festland pendeln müssen, weil sie eine Einrichtung der öffentlichen Daseinsvorsorge in Anspruch nehmen wollen oder müssen.

Allein wegen der Immobilienpreise ist es vielen jungen Menschen kaum noch möglich, auf ihrer Heimatinsel eine Existenz aufzubauen oder eine Familie zu gründen. Manche wandern ab, andere kommen nicht zurück, viele aber kommen erst gar nicht. Wenn dann der Staat auch noch Einrichtungen schließt, die bisher zur Lebensqualität der Insulaner beigetragen haben, dann sägt er an jenem Ast, dessen Früchte er in Form von Steuern eigentlich ernten will. Jeder Arbeitgeber auf Amrum und Föhr kann ein Lied davon singen, wie genau sich Bewerber die Versorgungssituation der Inseln ansehen und dann ggf. abwinken, um doch den Job in der Nähe eines Zentrums auf dem Festland anzunehmen. Die Inselbevölkerung schrumpft zwar nicht, aber es vollzieht sich ein sozialer Wandel, eine Verdrängung vom hier arbeitenden Insulaner zum solventen Zweitwohnungsbesitzer. Die Schließung der Geburtsstation ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg in die touristische Monostruktur, weil sie eben ein riesiger Attraktivitätsverlust für die Insulaner ist - und das umso mehr, als die Angst vor dem nächsten Axthieb des Kreises, des Landes oder des Bundes tief in den Köpfen der Insulaner verankert ist.


Wer glaubt, wir Insulanerinnen und Insulaner hätten uns mit der Schließung unserer Geburtsstation abgefunden, der irrt sich. Wir sind entsetzt über die Entscheidung und wir sind sehr zornig darüber, wie mit uns umgegangen wurde.

Wir werden weiter für unsere Geburtsstation kämpfen!

 

 

 

              Friedrich Amfaldern                  Renate Sieck                    Jens Jacobsen

                                (Wrixum)                                             (Wyk)                                          (Nieblum)

[1] (ausführliche Berichte zweier betroffener Frauen im Anhang, S. 5 und 6)